Lampe im IKEA-Stil für 3 EUR selbst gedruckt

Der 3D-Druck, dessen Historie vor Rund 25 Jahren als Rapid Prototyping in der Industrie seinen Anfang nahm, erfährt derzeit einen enormen Aufwind und eine starke Popularität, da einerseits die Technologie mittlerweile einen sehr hohen Reifegrad erreicht hat, die verarbeitbaren Materialien immer vielfältiger werden und mittlerweile fast täglich neue 3D-Drucker auch für den Endkunden zu erschwinglichen Preisen erscheinen. Sicher haben Letztere aktuell noch einige Einschränkungen in Bezug auf wirklich perfekte Qualität, Mehrfarbig- und -materialfähigkeit sowie Geschwindigkeit, aber der Durchbruch scheint nicht mehr aufzuhalten und der Tipping-Point mittlerweile erreicht bzw. schon überschritten. Chris Anderson ist davon überzeugt, dass eine industrielle Revolution bevorsteht, die größer als die des Internet sein wird.

Auf der Euromold 2012 letzte Woche in Frankfurt habe ich mir selbst einen Eindruck über den StatusQuo der 3d-Drucker machen können und war ziemlich baff, was mittlerweile alles möglich ist und kann daher Chris Andersons Aussage gut nachvollziehen. Mittlerweile gelten viele skeptische Argumente von Christopher Mime, der noch vor kurzem nicht an den Durchbruch von 3D-Druck glaubt, als widerlegt.

Er schreibt beispielsweise: „Die Verfechter des 3D-Drucks verkennen auch, dass viele Alltagsgegenstände aus natürlichen Stoffen gemacht werden – aus guten Gründen. Holz etwa ist, auf das Gewicht bezogen, fester als Stahl.“ und er kritisiert weiter: „Die Sehnsucht, traditionelle Fertigungsverfahren durch 3D-Druck zu ersetzen, ist vor allem eines: eine Ideologie.“

Ich schließe mich eher Tim Maly an, der 3D-Druck in Analogie zu der Entwicklung im Druckgewerbe als zunächst Schwerindustrie mit in Gießereien gegossenen Buchstaben  und Druckpressen hin zum Druck über Desktop-Drucker zieht. Und auch innerhalb der Desktop-Drucker hat sich die Technologie in den letzten Jahren von einer eher minderwertigen Qualität zu fotorealistischen Ausdrucken daheim weiterentwickelt. Im Endeffekt ist dies ja mit allen Neuerungen so, dass nichts zu Beginn wirklich „perfekt“ ist und man hier und da zu Kompromissen bereit sein muss, bevor die Technologie entsprechend reift. Auf der Euromold konnte ich mich nun davon überzeugen, dass qualitativ extrem hochwertige und detailgetreue Gegenstände nicht nur mit Kunststoff gedruckt werden, sondern oft mit Gips, aber auch mit Papier, Stahl, Aluminium, organischem Gewebe, menschliche Knorpel, Nylon, Keramik und auch aus Holz. Neueren Berichten zu Folge konnte sogar aus Mondgestein gedruckt werden oder mit leitfähigem Material bspw. elektronische Sensoren. Allein die Firma Objet bietet mittlerweile über 120 Materialien. Neben den vielen Konststoffarten können bspw. auch Holz oder Nylon mit den Handelsüblichen Heim 3D-Druckern verarbeitet werden.

Auch wenn in den nächsten Jahren nicht in jedem Haushalt ein 3D-Drucker zu finden sein wird und auch erst das Bewußtsein reifen muss, welch vielfältige Art von Alltagsgegenständen man nicht mehr im Handel kaufen muss, sondern einfach selbst „herstellen“ kann, ohne überhaupt irgendeine Kenntnis über die spezifischen Produktionsverfahren haben zu müssen (ähnlich dem klassischen Drucken), wird diese Technologie mit Sicherheit zunächst weiter seinen Einzug in Endkundennahen Bereichen halten, wie 3d-Print-Shops, Reparaturbetrieben (Elektro, Handwerk, KFZ) oder auch bei Händlern, die sich somit auch von der Abhängigkeit von Herstellern lösen können, wenn sie hierdurch selbst Produzent werden.

Nehmen wir einmal das Beispiel eines Lampenschirms im IKEA-Design. Samuel Bernier berichtet, dass bei ihm ein Lampenschirm gerissen war. Anstatt jedoch einen neuen zu kaufen, beschloss er, diesen durch einen maßgeschneiderten neuen zu ersetzen, den er dann mit seinem Makerbot mit (derzeit noch recht hohen) Materialkosten von knapp €3 einfach selbst druckte.

Druck Lampenschirm mit dem Makerbot Replicator 2

Verschiedene Lampenschrim-Modelle aus dem Makerbot Replicator 2

Auch auf der Euromold-Messe in Frankfurt gab es Lampenschirme, welche mit handelsüblichen Endkundendruckern hergestellt wurden, zu sehen. Ist man selbst nicht kreativ genug, dann findet man bspw. bei Thingiverse jetzt schon fertige freie Druckvorlagen für Lampenschirme, die man dann bei Bedarf auch customizen kann.

Einfacher Lampenschirm von 3D-Systems auf der Euromold

Einfacher Lampenschirm von 3D-Systems auf der Euromold

 

Einfacher Lampenschirm von 3D-Systems auf der Euromold

Und bei einem so simplen Produkt wie einem Lampenschirm stellt man sich dann schon die Frage, warum ein Händler wie bspw. IKEA hier künftig noch einen Vorlieferanten für die Herstellung benötigt. Das 3D-Design wird ja meist sowieso entwickelt. Insofern könnte man einfach in jedes IKEA-Kaufhaus (oder amazon-Lager) ein paar 3D-Drucker ins Lager stellen, welche dann Just-in-time bei Bedarf entsprechend Lampenschirme oder andere Dinge, wie Schubladen- oder Türgriffe, Stühle, Deko-Artikel usw. fertigen – dem 3D-Drucker ist das Endprodukt ja egal. Er braucht ja nur eine (meist eh vorhandene) 3D-Datei des Designs und das Druckmaterial.

Türgriffe aus dem 3D-Drucker

Verlagert der Händler somit die Produktion von bestimmten Produkten im Zuge einer vertikalen Integration in seinen Betrieb vor Ort, dann entfallen nicht nur Logistik- und Transportkosten, sondern auch das Warenbestandsrisiko, Umsatzverluste durch Leerbestände, verärgerte Kunden, interne Handlingskosten für Wareneingang usw. Und als schöner Nebeneffekt, verbessert sich auch unter Umweltschutz-Gesichtspunkten der Carbon-Footprint und die Ressourcennutzung des jeweiligen Produktes.

Mit Staples haben wir mittlerweile ja den ersten Händler, der 3D-Druck als Service für seine Kunden anbietet, indem Kunden dort ihre eigenen 3D-Vorlagen drucken können. Der nächste Händler wird sicher folgen, der (analog des Beispiels der Brillenversender) auch die Kreativleistung erbringt und selbst gedruckte Produkte für den Verkauf anbietet.

Lampe im IKEA-Stil für 3 EUR selbst gedruckt
1 Stimme, 5.00 durchschnittliche Bewertung (95% Ergebnis)

Über Hagen Fisbeck

Hagen Fisbeck ist Berater für digital gestützten Handel. Seit über 15 Jahren ist er im professionellen eCommerce und Multi-Channel-Handel tätig und war bei der Arcandor AG viele Jahre in leitenden eCommerce-Funktionen und als Intrapreneur tätig. Seit 2009 berät er größere und mittlere Handelsunternehmen im eCommerce und Multi-Channel-Handel und ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter von DigitalRetail
Dieser Beitrag wurde unter 3D-Druck, Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.