Amazon, Zalando und der lokale Handel

Das Schreckensbild der aussterbenden Innenstädte und das des Kunden, der nur noch online vom Sofa aus shoppen geht, beschäftigt Einzelhändler schon seit Langem. Große Plattformen wie Amazon und Zalando scheinen stationären Händlern keine Chance zu lassen. Doch aktuell entwickelt sich ein Trend, der bestätigt, was viele schon lange sagen: Kunden mögen es zwar möglichst bequem beim Shoppen, wollen aber häufig nicht darauf verzichten, Produkte in der realen Welt zu sehen, anzuprobieren und dazu persönlich beraten zu werden.
Vermutlich genau deshalb gehen sowohl Amazon als auch Zalando jetzt offline. Das soll natürlich nicht heißen, dass es die beiden Onlinemarktplätze bald nicht mehr online geben wird. Vielmehr zeichnet sich immer deutlicher ab, dass sie dabei sind, den stationären und vor allem den lokalen Handel an ihre Online-Shopping Welt anzubinden. Wie schon zuvor berichtet, begann der Prozess besonders bei Amazon schon vor längerer Zeit.

Seattle, Berlin, Frankfurt – Amazon und Zalando zum Anfassen

Amazon Books Seattle

Amazon Books in Seattle © Amazon

Bereits 2014 eröffneten sowohl Amazon als auch Zalando eigene stationäre Filialen. Mit dem Amazon Books Shop in Seattle  und den Zalando Outlet Stores in Frankfurt und Berlin machten die Online-Riesen ihre ersten Schritte in Richtung stationärer Handel. Gerüchten zufolge planen beide zusätzliche stationäre Filialen. Zalando will noch dieses Frühjahr in Köln starten und Amazon hat offenbar vor, über kurz oder lang bis zu 400 Filialen zu eröffnen.
Vor einiger Zeit startete Amazon außerdem das Projekt „Amazon Locker„. Das Unternehmen platzierte in verschiedenen Geschäften in den USA Paketstationen, von welchen Kunden ihre online bestellten Waren abholen können – ähnlich einer DHL Packstation.Die meisten Locker wurden in Filialen der 24-Stunden-Supermarktkette „7-11“, was den Kunden eine Abholung ihrer Pakete rund um die Uhr ermöglicht. Auch einige Supermärkte und Apotheken haben Amazon Locker aufgestellt. Dieses Projekt, das auf dem Click & Collect-Prinzip basiert, verbindet das Unternehmen mit bestehenden stationären Händlern.

Amazon und Moda Operandi – Personal Commerce statt Omnichannel

Seit Amazon Anfang April sein globales Payment Partner Program ausgerollt hat, können ausgewählte Online-Händler ihren Kunden die Zahlung per Amazon-Account und der dort hinterlegten Zahlungsmethode anbieten. Viele sahen diesen Schritt als eine Kampfansage an E-Payment Marktführer PayPal. Nun wurde bekannt, dass Amazon im Rahmen seines Payment Programms eine Zusammenarbeit mit der High Fashion-Plattform Moda Operandi starten wird, die nicht nur online sondern auch offline ablaufen wird.
Das Einkaufserlebnis, das der Kundin von Moda Operandi in Zusammenarbeit mit Amazon geboten wird, beginnt damit, dass sie sich mit ihrem Amazon-Konto auf der Website von Moda Operandi einloggt. Sie sucht sich dann ihre gewünschten Produkte aus und legt sie in ihren Warenkorb.

Moda Operandi Amazon Login

Moda Operandi Login mit Amazon

Im nächsten Schritt kann sie dann die von ihr ausgewählten Produkte vor Ort in einem der stationären Moda Operandi Läden anprobieren und wird umfangreich beraten. Mit Hilfe der Amazon App und im Laden installierten Beacons erhalten die Storemitarbeiter eine Meldung, wenn die Kundin im Laden angekommen ist. Sie präsentieren ihr dann in einem persönlichen Verkaufsgespräch die online ausgewählten Artikel. Da die Personal Shopper außerdem im Vorfeld auch Informationen über alle von der Kundin online betrachteten Artikel erhalten haben, können sie sie umfangreich beraten und passende Artikel empfehlen. Die Bezahlung erfolgt dann via Tablet mit dem Amazon-Konto der Kundin über die dort hinterlegte Zahlungsmethode, ohne dass sie ihren Geldbeutel zücken muss.

Amazon nutzt also die Zahlung als Einstieg in den Local Commerce. Vertrauen ist hier der zentrale Aspekt aus Amazon-Sicht. Der Onlinemarktplatz will nicht als Zahlungsmittel im Vordergrund stehen, sondern vielmehr als vertrauter Partner für seine Kunden das Zahlungsmittel bereitstellen, so Patrick Gauthier, Amazons VP of Payments. Personal Commerce statt Omnichannel, so lautet das Motto von Amazon bei dieser Kooperation. Ob die Zusammenarbeit mit Moda Operandi erfolgreich sein wird, das wird die Zeit zeigen. Moda berichtet jedenfalls, dass schon jetzt, nach knapp 2 Wochen, 25 % der Käufe mit Hilfe des Amazon Logins getätigt werden.

Die Zusammenarbeit von Amazon und Moda Operandi könnte der Anfang eines neuen Trends sein. Denn hier profitieren beide Seiten: Amazon hat eine Möglichkeit, sich über Zahlungsmittel im stationären Handel zu positionieren. Außerdem kann der Online-Riese seinen Stand im Bereich Fashion festigen und sein Image verändern. Bisher ist der Marktplatz ja hauptsächlich als Anbieter von Büchern, Elektronik und Convenience-Produkten bekannt. Moda wiederum kann durch den Deal seinen Onlineshop enger mit den stationären Filialen verbinden und möglicherweise neue Kunden gewinnen. Gleichzeitig verbessert das Unternehmen das Einkaufserlebnis für seine bestehenden Kunden.

Amazon Prime Now – Lieferung binnen einer Stunde

Same Day Delivery ist bei Amazon schon lange Thema. Durch die Anmietung strategisch günstig gelegener Lagerflächen macht der Onlinemarktplatz immer kürzer werdende Lieferzeiten möglich. Im März diesen Jahres kamen Gerüchte (LINK) auf, dass Amazon den Schnelllieferservice bald auch nach Deutschland bringen will. Angeblich sei ein Start in Berlin schon dieses Frühjahr geplant. Das Unternehmen hat Berichten zufolge eine Immobilie am Ku’Damm angemietet, die als Lagerfläche dienen soll, aus der innerhalb der Hauptstadt dann die 2-Stunden-Lieferung erfolgen soll.

Die Lieferung innerhalb weniger Stunden hat Amazon bereits im Herbst 2015 in den USA umgesetzt, als das Unternehmen seine Prime Now App lancierte. Der interessante Unterschied hierbei ist allerdings, dass die bestellten Waren nicht aus Amazon-Großlagern verschickt werden. Stattdessen können Kunden in verschiedenen amerikanischen Großstädten über Amazon Waren aus lokalen Geschäften bestellen.

Der Online Big Player bindet also lokale Händler an und erweitert nicht nur seine Produktvielfalt, sondern auch das Kundenerlebnis. Aktuell sind beispielsweise lokale Lebensmittelhändler in New York City angebunden. Amazon kommt zu seinen Kunden nach Hause – und das auf Wunsch binnen einer Stunde.

Auch Zalando will lokale Händler anbinden

Zalando Logistikzentrum

Zalando Logistikzentrum (© Handelsblatt)

Zalando will das noch toppen. Innerhalb von 30 Minuten will die Mode-Plattform zukünftig liefern. Dies soll funktionieren, indem Zalando ebenfalls lokalen Händlern die Möglichkeit gibt, über die Plattform ihre Waren zu verkaufen. Bestellt ein Kunde also einen Artikel, wird geprüft, ob das Produkt in einem lokalen Ladengeschäft vorrätig ist.
Wenn dies der Fall ist, wird die Ware direkt von dort an den Kunden ausgeliefert. Dies ermöglicht  eine schnellere Lieferung als das Beziehen der Ware aus einem nahegelegenen Zalando-Lager. Somit rückt auch Zalando offline näher an seine Kunden heran und gibt jedem die Möglichkeit, „sich Ware dorthin liefern zu lassen, wo er gerade ist, und nicht dorthin, wo er wohnt“, so Gründer Robert Genz in einem Interview.

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Screenshot Zalando/Tiramizoo

Die Abholung zu Hause ist ein weiteres Feature, welches Zalando seinen Kunden anbietet. In Zusammenarbeit mit dem Kurierdienst Tiramizoo testet das Unternehmen derzeit in Berlin (und bald auch in weiteren deutschen Städten) die kostenlose Abholung von Retouren.

Diese Entwicklungen sind Teil der Neuerfindung, die Zalando gerade unternimmt. Vom Onlinehändler für Schuhe und Mode möchte das Unternehmen gerne zu einer Shopping-City werden. Online soll dies durch mehr Content erfolgen und offline durch die Zusammenarbeit mit lokalen Händlern. Um die Umsetzung ihrer neuen Pläne möglich zu machen, arbeitet Zalando außerdem daran, zu einer „Mode-Tech-Plattform“ zu werden. Mit einem neuen Tech-Hub in Finnland wird das Unternehmen versuchen, unter anderem den technologischen Aufwand, der mit der Anbindung von lokalen Händlern und deren unterschiedlichen Warenwirtschaftssystemen verbunden ist, stemmen zu können.

Die großen Online-Player setzen also auf den stationären Handel – eine Entwicklung, die der alten Behauptung, der Online-Handel mache den klassischen Einzelhandel kaputt, klar entgegenwirkt. In diesem Bereich wird sich mit Sicherheit noch viel tun. Wer am Ende mit dem größten Erfolg eine Kombination aus Online- und Offline-Shopping anbieten kann, wird sich zeigen.

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2 Antworten auf Amazon, Zalando und der lokale Handel

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